„Mama, was macht die in meinem Garten?“ Auffälliges Verhalten nach der Geburt eines Geschwisterkindes verstehen und begleiten

Ich möchte euch ein Bild malen, mithilfe dessen ihr eure erstgeborenen Kinder besser verstehen lernt.

Wir beginnen mit einem Kind, ich nenne es Samuel. Samuel wurde in einen Garten geboren. In diesem Garten gibt es prachtvolle Blumen, Bäume, vielleicht auch eine sehr gemütliche Hängematte. All das steht Samuel uneingeschränkt zur Verfügung. Er darf betrachten, berühren, schmecken und riechen – ganz so, wie er es gerade möchte. Er fühlt sich sicher in seiner kuscheligen Hängematte, wird dort verwöhnt und versorgt. Er kann seiner Begeisterung und Entdeckungslust freien Lauf lassen.

Doch plötzlich ist da noch jemand. Sie nennen sie seine Schwester und Emma. Mit der kommt er schon klar, denk Samuel. Doch dann wird sie in die gemütliche Hängematte gelegt – in Samuels Hängematte. Nach kurzer Zeit beginnt Emma auch noch, sich zu bewegen, und möchte ebenfalls alles anfassen: die Blätter, die Blumen. Sie versucht sogar, Zweige von den Bäumen zu reißen und Rosen zu zerpflücken.

Samuel ist geschockt. Sein innerer Boden gerät ins Wanken, er fühlt sich unsicher, gestresst und auch wütend. Schließlich geschieht all das vollkommen ohne sein Einverständnis. Er möchte Emma in ihre Schranken weisen, ihr zeigen, wem hier die Blumen und Bäume gehören.

Doch dann passiert noch etwas. Sätze wie:
„Ach, lass sie doch, sie tut ja nichts.“
oder
„Du bist jetzt der Große, das musst du doch verstehen.“
oder auch
„Ist es nicht toll, dass du ein Geschwisterchen hast?“

werden als Antwort auf seinen Unmut geäußert.

Zu Unsicherheit und Wut gesellen sich nun weitere Gefühle und Gedanken: Ratlosigkeit, Ohnmacht und der Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmt. Vielleicht sogar mit ihm selbst?

„Stimmt etwas mit mir nicht?“, denkt Samuel.
„Sollte ich mich eigentlich freuen?“
„Ist das der Grund, warum Mama und Papa mich nicht mehr lieb haben?“

Er sehnt sich nach dem, wie es früher war. Nach dem alten Garten, nach Fürsorge und Sicherheit.

Vielleicht kann er all das zurückholen? Er versucht es, indem er sich so verhält wie damals, als er noch ein Baby war – so wie Emma. Er weint viel und kann sich plötzlich nicht mehr alleine anziehen. Doch Mama und Papa schütteln nur verständnislos den Kopf.

Also versucht er es anders: Er wird laut und energisch. Er schreit, schlägt, wirft Dinge vom Tisch und blickt seine Eltern dabei hoffnungsvoll an. Doch auch diesen Hilferuf verstehen Mama und Papa nicht. Zwar bekommt er nun wieder mehr Aufmerksamkeit, doch das Schimpfen bringt das Gefühl von Sicherheit nicht zurück.

Schließlich wird Samuel traurig und zieht sich zurück. Er denkt, dass ihn sowieso niemand mehr mag. Emma ist nun der Liebling der Familie …

Wie geht es euch mit dieser Geschichte? Mich macht sie sehr nachdenklich und traurig. Der Prozess des „Entthront-Werdens“, das Wachsen der Familie und der Schock, den Erstgeborene dabei erleben, passieren tagtäglich. Manche Kinder reagieren mit Regression, andere mit Aggression oder Rückzug. Doch diese Geschichte kann auch einen anderen Verlauf nehmen …

Eines Samstagvormittags spielt Samuel in seinem Zimmer mit Bauklötzen, als plötzlich Papa in der Tür steht.
„Na, wie geht es dir denn so als großer Bruder?“, fragt er nachdenklich.

„Gut“, sagt Samuel schnell und blickt weiter auf seine Bauklötze.

Papa setzt sich zu ihm auf den Boden.
„Kann manchmal ganz schön nerven, so eine kleine Schwester, oder?“

Samuel blickt überrascht und skeptisch auf. Hat er sich verhört?

Papa spricht weiter:
„Und Mama hat auch viel weniger Zeit. Manchmal vermisse ich sie.“

Samuel bekommt feuchte Augen, und plötzlich bricht alles aus ihm heraus:
„Ich hasse Emma! Sie ist so doof, und Mama hat sie viel lieber als mich!“

Erschrocken sieht er Papa an und wartet auf eine Rüge.

„Mhm“, sagt Papa ruhig. „Da wünschst du dir wahrscheinlich manchmal, dass sie gar nicht da wäre.“

Samuel beginnt zu schluchzen, Tränen laufen ihm über die Wangen. Endlich darf alles heraus. Er ist so erleichtert und glücklich, dass Papa ihm zuhört und ihn versteht.

Danach gehen Papa und Samuel gemeinsam auf den Markt. Nur sie zwei. Samuel darf sogar aussuchen, was es heute zum Essen gibt. Sie vereinbaren, dass sie das ab jetzt jeden Samstag gemeinsam machen – ihr eigenes Ritual.

Am Abend kuschelt sich Mama zu ihm und sagt Samuel, wie lieb sie ihn hat. Sie verspricht ihm, sich ab nun einmal in der Woche am Abend ganz bewusst Zeit für ihn zu nehmen. Exklusive Zeit nennt sie es, nur Mama und er. Samuel wird massiert und bekommt ein Buch vorgelesen, so wie früher, als er noch kleiner war. Das tut gut.

Nach ein paar Wochen fühlt sich Samuel plötzlich wieder viel sicherer. Er weiß nun, dass Mama und Papa ihn noch immer lieb haben und er Emma auch richtig blöd finden darf. Dabei ist das nun garnicht mehr so. Emma nervt zwar immer noch oft, aber manchmal ist es sogar ganz lustig mit ihr. Wenn sie ihm hinterherläuft und dabei immer wieder hinfällt, lachen sie gemeinsam.

Und Samuel findet es in diesen Momenten dann doch ganz okay, eine kleine Schwester zu haben. Er teilt nun sogar hin und wieder freiwillig seine Blumen, seine Bäume und sogar seine Hängematte mit ihr.

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